Im Fluss

February 22, 2016

 

Zur Dynamik zwischen Schutz und Wandel in der Denkmalpflege

Naturschutz und Denkmalpflege haben gleiche Wurzeln. Der Rheinische Verein etwa tritt seit 100 Jahren für die Erhaltung der Ergebnisse von Natur und Geschichte gleichermaßen ein. Nicht immer passen diese Ziele überein, immer wieder geraten z.B. Gartendenkmalpflege und Naturschutz in Konflikt. Umgekehrt erweisen sich die Interessen beim Schutz der historischen Kulturlandschaft oft als gleichartig. In diesem Grenzgebiet ist die Bestimmung des Schutzgegenstandes und der geeigneten Maßnahmen zu seinem Schutz für beide Seiten nicht ganz einfach. Kann man ein Bild schützen oder soll der Schutz über seine Elemente definiert werden? Heimat- und andere Wohlgefühle im Anblick einer Landschaft reichen ja weder für Naturschutz noch für Denkmalschutz aus. Über die Objektivierung der Denkmalsubstanz können Kulturlandschaftsschützer Einiges von den Baudenkmalpflegern lernen, die reiche Erfahrung damit gesammelt haben. Die Pflege kulturlandschaftlicher Elemente deckt sich dennoch nicht immer mit der Natur schützenden Erhaltung von historischen Kulturlandschaften.In der Bewahrung von Dingen ist die Denkmalpflege versiert und leistet damit einen Beitrag zum Geschichtsbewusstsein in unserer Umwelt. Doch was ist, wenn die Geschichte weitergeht, und das tut sie ja ununterbrochen. Denkmalpfleger kämpfen gegen den Untergang des Überholten und holen dabei fast die Gegenwart ein. Gelegentlich hat man den Eindruck, als greife der Bau spektakulärer Gebäude bereits auf den zu erwartenden Denkmalwert vor: Beginnen wir bereits zu schützen, was zukünftig einmal Geschichte sein wird? Andererseits hat ein Denkmal auch nach der Unterschutzstellung eine Geschichte, in die der Denkmalschutz eingeht und insofern das Denkmal selbst verändert. Zwei Gründe zu fragen, in welchem Verhältnis Denkmalpflege zum Prozess der Herstellung des Schutzobjektes steht?Dabei gerät man auf das Feld des Wandels selbst. Zunächst steht gerade er dem Schutz des Denkmals entgegen, das daher vor ihm zu bewahren ist. Guckt man aber noch einmal zum Naturschutz hinüber, dann sieht man dass hier weiter gedacht wird. Dort stehen inzwischen nicht nur Dinge unter Schutz, sondern es gehört auch der Schutz natürlicher Prozesse zu den Zielen des Naturschutzes.

 

Kann die Denkmalpflege davon lernen? – Prozessschutz für Denkmalentstehung? Prozessschutz für die Veränderung von Denkmälern?Geschichte ist Ergebnis stattgefundener Veränderung, ist ein laufender Prozess fortgesetzten Wandels. Wer Denkmäler schützen will, beschäftigt sich mit Wandel und sollte sich mit ihm bewusst auseinandersetzen. Konservatorisches Denken sollte sich ein prozessuales Selbstverständnis leisten.Dinge ändern sich Das Denkmal ist ein historisches Ding, also ein Ding mit Geschichte. Wer Denkmäler schützen will, muss ihre Geschichte kennen. Dann wird er feststellen, dass das Ding sich in seiner Geschichte verändert hat. Kulturlandschaftswandelkarten, Parkpflegewerke und bauhistorische Untersuchungen gehen der Anlagengenese nach. Ein Ding, das sich in seiner Geschichte verändert hat, zu schützen, bedeutet, ein Gewordenes zu schützen. "Zum Denkmal und ganz besonders zum Gartendenkmal gehören deshalb auch die Veränderungen, die es im Laufe seiner Geschichte durchgemacht hat." (Sigel 1998, 145) Das Ding allein ist also nicht Gegenstand des Schutzes, es wird vielmehr als Dokument gelesen. Seine materielle Beschaffenheit steht dabei für etwas. Spuren am Denkmal zeugen in der Regel von seinen Veränderungen im Laufe der Geschichte. Sie bilden Indizien für Ereignisse, für die Bauauffassung einer Zeit, für ihre Lebensgewohnheiten und handwerklichen Fähigkeiten. Während die einzelnen Umbauzustände des Denkmals in seine heutige Verfassung eingegangen und darin untergegangen sein mögen, sind Spuren von ihnen zurückgeblieben. Die Spuren lassen Rückschlüsse auf unterschiedliche Zustände zu, die das Denkmal durchlaufen hat.Die Spuren dokumentieren einerseits den Wandel des Baus, andererseits verunklären sie den ursprünglichen Zustand. Wer sich mit der Geschichte des Denkmals beschäftigt, wird also schnell erfahren, dass er es mit Prozessen zu tun hat. So hat sich das Denkmal freilich unversehens vervielfacht. Es ist nun ein Ding, das mal so und mal so beschaffen war. Heute stellt sich sein Zustand heterogen dar. Die Denkmalpflege ist daher mit der Frage konfrontiert, was eigentlich Gegenstand des Schutzes ist. Eine Antwort darauf bildet die Festlegung auf eine Zeitschicht als vorrangig zu schützende. So lässt sich Klarheit über den Schutzgegenstand gewinnen. Ist eine Zeit die Wichtigste und wenn ja, welche?Sicheren Boden scheint die Zeit der Entstehung des Baus zu bieten. Die Orginalität von Entwurfsplänen kann einen festen Bezugspunkt für Wiederherstellungsarbeiten bieten, wenn geklärt worden ist, ob die Pläne denn auch umgesetzt worden waren. Bauhistorische und archäologische Untersuchungen können helfen, dies zu klären, denn als "Original" gilt heute nicht der Plan, die Idee, sondern der durch Befund nachgewiesene Zustand.Allerdings negiert das Festhalten am "Urzustand" die stattgehabte Veränderung am Denkmal. Eine Gegenposition nimmt daher das Beharren auf dem letzten Zustand ein. Grundlage bildet es dabei, dass nur abgeschlossene Epochen geschützt werden. Der jüngste Zustand des Dings vor der Gegenwart kann leicht festgestellt werden. Ihn zum Ziel zu erklären, heißt den Wandel zu akzeptieren und das Ding in seinem Letztzustand als Ergebnis seiner Geschichte zu erhalten. Der Wille der Erbauer, die Erstidee des Baus wie alle folgenden Veränderungen verblassen demgegenüber. Bei Kulturlandschaften ist ohnehin kaum von planvollen Gestaltungsabsichten auszugehen. Heterogenität und geschichtlicher Prozess sind hier noch offenbarer.Heute will man den Veränderungsprozess des Denkmals sichtbar machen. Sigel stellt fest: "Ziel der denkmalpflegerischen Massnahmen ist deshalb nicht stilistische Einheitlichkeit und jugendliche Frische, sondern die Erhaltung und Lesbarmachung der Spuren." (1998, 150) Die Spuren, die die verschiedenen Zustände hinterlassen haben, bilden willkommene Anhaltspunkte, um die historischen Facetten des einen Dings zu zeigen. Die Spuren dokumentieren verschiedene Zeiten und historische Veränderungen, die nebeneinander stehen. Das Denkmal ist dann kein Dokument einer Epoche, sondern das mehrerer. Geschützt werden die Spuren, also das Ding als Dokument seiner veränderlichen Geschichte.Beispiel: Gartendenkmalpflege Schloss Benrath Schloss Benrath bei Düsseldorf ist ein Lustschloss aus der Zeit des Rokoko, das 1756 - 1770 von Nicolas de Pigage für den Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz errichtet wurde. Als Maison de Plaisance verbindet es Bauten und Gärten zu einem Gesamtkunstwerk (Markowitz 1978). Ein Denkmal von besonderer Bedeutung, das dennoch viele Zeitschichten umfasst.Zwei seitliche Kabinettgärten zählen etwa zu Pigages Konzeption. Der "Garten der Kurfürstin" zeigt heute seine Gestaltung mit ornamentalen Wasserbecken und Kaskade, sowie vertieftem "parterre á l' angloise" mit Blumenrabatten. Nach Umgestaltungen in preußischer Zeit gab eine Rekonstruktion 1989/90 dem Garten sein ursprüngliches Aussehen zurück (Lange 1997, 187-189). Das Gegenstück, der "Garten des Kurfürsten", war ebenfalls verändert worden, allerdings von Maximilian Friedrich Weyhe im westlichen Gartenteil und Peter Joseph Lenné im östlichen Bereich. Diese landschaftlichen Umgestaltungen werden heute selbst für schützenswert erachtet und sukzessive von Zutaten späterer Zeit befreit (Lange 1997, 185).Pigages Gesamtkunstwerk selbst hat Spuren älterer historischer Substanz getilgt. Bei der Anlage des fast 500 m langen Spiegelweihers riss Pigage das Hauptgebäude des alten Wasserschlosses aus dem 17. Jh. ab. Seine beiden Flügel aber ließ er stehen, ohne sie in seine Anlage zu integrieren. Während das 19. Jh. den einen später abbrach, hat sich die Orangerie bis heute erhalten. Vor ihr finden wir nun einen Parterregarten aus der Zeit des Wasserschlosses, der kürzlich auf der Basis von Quellenarbeit und Grabungen rekonstruiert wurde. So bereichert heute eine ältere Zeitschicht das Erlebnis des Schlossparks.Schloss Benrath ist also nur auf den ersten Blick eine Gartenanlage aus einem Guss, vielmehr sind in ihr verschiedene Zeiten und Gestaltungsauffassungen dokumentiert. Die Denkmalpflege konserviert und rekonstruiert sie nebeneinander und präsentiert dem Publikum damit ein vielschichtiges Kulturerbe. Ziel ist dabei nicht, den Besucher in eine vergangene Epoche zu versetzen, sondern mit der Uneinheitlichkeit gerade den historischen Reichtum dieses Ortes zu vergegenwärtigen.Sichtweisen wandeln sich Wie wir sahen, ist nicht das Ding zu schützen, sondern das Ding als Träger von Spuren, als Indizienhaufen. Die materielle Verfasstheit bildet den Träger für Information, die durch Deutung erschlossen werden müssen. Anders gesagt, ist das Ding, das da steht, streng genommen nicht das, was geschützt werden soll. Es repräsentiert vielmehr schutzwürdige Qualitäten. Es ist ein Dokument und genau als solches unersetzbar. Damit nähern wir uns einer anderen Geschichte, die es von diesem Ding zu erzählen gibt.Neben der Veränderungsgeschichte des Denkmals als Ding ist da noch die Geschichte seiner Rezeption. Wer sich also mit der Geschichte eines Denkmals beschäftigt, der wird sich damit auseinanderzusetzen haben, dass außer dem materiellen Gegenstand auch die Geschichte der Deutung des Dings zu erforschen ist. Das Denkmal ist zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich aufgefasst und damit interpretiert worden. Auch ein unverändert erhaltenes Bauwerk wurde nicht immer gleich verstanden.Galt es vielleicht bei seiner Errichtung als aufregende Neuheit, so betrachteten es spätere Generationen als altmodischen Kasten. Die Wertschätzung hat sich im Laufe der Geschichte fast jeden Denkmals stark gewandelt. Das liegt an wechselnden Moden, aber auch am Wandel der Werte und geistesgeschichtlichen Traditionen. Alte Bauwerke zu schützen, ist ja erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Bis heute erleben wir diese Umbrüche, die aus dem verpönten Stil von gestern ein historisches Schmuckstück von heute machen, das morgen möglicherweise schon wieder in Vergessenheit gerät.Beispiel: Kulturlandschaft Mittelrheintal Das lässt sich am Beispiel des Mittelrheintals veranschaulichen, einer Landschaft, die heute Anspruch darauf erhebt, Teil des "Weltkulturerbes" zu sein. Fehn fasst die Elemente, die diese Landschaft prägen, zusammen: "tiefeingeschnittenes gewundenes Flußtal, kleingliedrige Weinbauterrassen, romantische Burgen und Burgruinen auf steilen Felsen und mauerumwehrte Städtchen am Fluß mit Fachwerkhäusern" (1999, 40). Wenngleich wir damit ein Inventar der Schutzgüter erstellen können, liegt doch der Schutzgrund in etwas anderem als den aufgezählten Dingen. Möglicherweise von Weltrang, auf jeden Fall zur Geistesgeschichte und zum Landschaftsverständnis Mitteleuropas gehörig ist die "Rheinromantik". Sie ist kein Ding, sondern eine Sichtweise.Der Rhein war im 17. Jh. ein Verkehrsweg nach Süden, der vom Europäischen Adel auf der Grand Tour und anderen Italienreisenden rege benutzt wurde. Dem Fluss und seiner Landschaft wurde dabei keine Wertschätzung zuteil, er galt als unbequeme Durchgangsstation. Die Maler jener Zeit stellten entweder die nüchterne Realität dar oder ihre Phantasien über die gesehene Gegend. Wenzel Hollars aquarellierte Federzeichnungen etwa kommen ohne erzählende und verfälschende Zutaten aus und halten sich an die Realität. Herman Saftleven hingegen lässt sich von den topographischen Gegebenheiten zu einem frei gestalteten Kunstwerken inspirieren, die auf die Wirklichkeit wenig Rücksicht nehmen.Um 1800 änderte sich die Wahrnehmung des Rheins. Es waren die Engländer, die ihn ästhetisch entdeckten. Romane von Mary Shelley, Ann Radcliff oder Lord Byron, Schauerromantik und Gothic Revival prägten eine neue Sicht der Landschaft. Die eben noch unbequeme Rheinfahrt wurde binnen Kurzem zum selbständigen Reiseziel. Seither hängen der Rheinlandschaft die Attribute von Stimmung, Phantasieanregung und Märchenhaftem an (Dischner 1972). Turners Bilder geben die landschaftlichen Gegebenheiten realistisch wieder, doch das Wesentliche ist die Stimmung, in die er seine Rheinlandschaften taucht. Der Fremdenverkehr zehrt bis heute von dieser Wahrnehmungstradition.Die Erwartungshaltung jener Zeit überspitzt die Karikatur von Doyle: dramatische Bergszenerie mit Fluss und Burgen, soweit das Auge reicht. Das Rheintal ist ohne diese Bilder, ohne die Schauergeschichten und die touristische Massenbewegung nicht mehr zu denken. Auch haben die verunstaltend genannten Eingriffe durch Verkehrswege, Bauten und Flurbereinigung den Mythos nicht beseitigen können. So ist das, was als landschaftliche Qualität des Mittelrheintals geschützt werden soll, vor allem eine Idee des Landschaftsraumes.Ohne diesen Mythos zu kennen, können jene "kulturlandschaftlichen Elemente", an denen der Denkmalanspruch der Gegend zu fixieren ist, nicht identifiziert werden. Der Schutzgegenstand ist also erst in zweiter Linie dinglicher Natur. Die historische Substanz ist bei der Kulturlandschaft mehr als bei anderen denkmalpflegerischen Schutzgegenständen immateriell. Es handelt sich um Ideen, die sich in Bildern einer Gegend niederschlagen und nur bedingt an einzelnen "Elementen" dingfest gemacht werden können. Wie freilich der Zusammenhang zwischen den Einzelstücken zu finden sei, worin er bestehen kann – das wäre noch näher zu bestimmen. Breuer spricht von "materieller Substanz und immaterieller Gefügebindung" (1998, 174).An dem Gegenstand, den es zu schützen gilt, hängen also zwei mehr oder minder unsichtbare Arten von Geschichte. Baugeschichte und Ideen- bzw. Rezeptionsgeschichte bilden ebenso Bestandteile des Denkmals wie seine materiellen Eigenschaften als Ding.Denkmalpflege entwickelt sich Auch die Auffassungen davon, was Aufgabe und Mittel der Denkmalpflege sind, ändern sich. Sofern sich unser Denkmal schon seit Längerem in den Händen der Denkmalpflege befindet, werden die Vorstellungen über seine "richtige" Pflege einem Wandel unterlegen sein. Dies spiegelt sich in der Diskussion um die denkmalpflegerischen Zielsetzungen ebenso wieder, wie in den durchgeführten Erhaltungs- und Restaurierungsmaßnahmen. Zur Geschichte des Denkmals ist daher auch bereits die Denkmalpflege zu zählen.Die schöpferische Denkmalpflege etwa stellt eine der vergangenen Phasen dar, die heute zu Distanzierung reizt. In der Baudenkmalpflege ist Eugene-Emmanuel Viollet le Duc der bekannteste Vertreter eines Denkmalverständnisses gewesen, das gewissermaßen den Geist eines Bauwerks zu verwirklichen gedachte: "Ein Gebäude restaurieren, das heißt nicht, es zu unterhalten, es zu reparieren oder zu erneuern, es bedeutet vielmehr, es in einen Zustand der Vollständigkeit zurückzuversetzen, der möglicherweise nie zuvor existiert hat." (1854-69, zit. nach Huse 1984, 88)Dehio und Riegl traten gegen dieses Denkmalverständnis bereits um die Wende zum 20. Jh. an. "Alter" und "Substanz" bilden seither die Grundfesten des Denkmalverständnisses. Eingehende Untersuchungen des Bauwerks, seiner Änderungen und Umbauten gehören seither zum Programm der Denkmalpflege, die sich der Erhaltung verschrieben hat. Sie versteht darunter das Bewahren der Substanz, nicht der Idee. Dass sich diese Auffassung in der Gartendenkmalpflege erst im letzten Viertel des 20. Jhs. als Praxis durchsetzte, zeigte Klaus v. Krosigk einmal am Phänomen der Rebarockisierung von Parterreanlagen (o.J.).Heute sieht sich die Denkmalpflege als konservierende Disziplin mit wissenschaftlichem Anspruch, die Spuren als historische Dokumente bewahrt und der Nachwelt überliefert. Auch die Möglichkeiten der sich weiter entwickelnden Untersuchungsmethodik werden bereits bedacht, wenn Spuren konserviert werden, um sie in späterer Zeit wieder und anders untersuchen zu können. Der Erhalt der Spuren geht daher oft über ihre heutige Analyse oder gar Rekonstruktion. Der Auswahl des Bewahrenswerten liegen freilich denkmalpflegerische Wertvorstellungen und Entscheidungen zugrunde.Während das Denkmal immer tiefgründiger untersucht, Wiederherstellung intensiv abgesichert wird, ist der Wunsch in Bevölkerung und Politik nach Rückholung unwiederbringlich zerstörter Denkmäler außerordentlich gewachsen. Statt der spektakulären Fälle der Gegenwart hier ein etwas anders gelagertes Beispiel für die Neubau-Denkmalpflege von heute:Beispiel: Technisches Denkmal Schwebebahn in der Stadtlandschaft Die Wuppertaler Schwebebahn verkörpert eine Pionierleistung der reinen Eisenkonstruktion um 1900. Nach Plänen von Eugen Langen wurde 1898 – 1903 ein öffentliches Verkehrsmittel gebaut, das unter seinen Schienen hängt. Das Gerüst steht teils über der Wupper, teils nutzt es den Straßenraum in zweiter Ebene. Dieses außergewöhnliche Bauwerk wird gerade vollständig abgerissen und neu gebaut. Material, Aussehen und Konstruktion des neuen Schwebebahngerüstes weichen vom ursprünglichen ab. Die Bahnhöfe werden durch moderne Neubauten ersetzt, allein die Haltestelle Werther Brücke hat Aussicht auf Rekonstruktion. - Ein Eklat für die Denkmalpflege?Die Schwebebahn steht für den Konflikt zwischen Denkmal und Nutzung, der in diesem Fall das Denkmal abreißt, nicht weil es aus der Mode gekommen oder nutzlos geworden ist, sondern weil es so erfolgreich ist. Die Schwebebahn ist für Wuppertal auch nach 100 Jahren noch ein unverzichtbares öffentliches Verkehrsmittel. Der so genannte "Ausbau" soll ihre Leistungsfähigkeit erhöhen: Schnellerer Takt, längere Züge, mehr Fahrgäste.Der Denkmalschutz, der übrigens erst seit 1997 besteht, hat auch städtebauliche Gründe. Die Schwebebahn verbindet auf ihrer Länge von 13,3 km die drei ehemals selbständigen Städte Barmen, Elberfeld und Vohwinkel. Ihr Gerüst, das im Tal allenthalben sichtbar ist, prägt das Stadtbild auf einzigartige Weise. Im Selbstverständnis der Stadt stiftet das eiserne Rückgrat wesentlich Identität. Kein Wunder also, dass der Abriss zu Tumulten bei Heimat- und Denkmalschützern führt.Lehnen wir uns als Beobachter der Auseinandersetzung um die alten/neue Schwebebahn zurück, so können wir nüchtern konstatieren, dass sich hier ein Stück der aktuellen Denkmaldebatte abbildet. In der Postmoderne steht das Beharren auf Echtheit, Substanzerhalt, Authentizität neben dem zahlungskräftigen Wunsch nach Rückgewinnung historischer Werte. Wissenschaftlich im Detail abgesicherte Reparatur und Wiederherstellung kennzeichnet den Umgang mit dem historischen Erbe um die Jahrtausendwende ebenso wie Rekonstruktion und Imitation verlorener Bilder zu Gunsten des Denkmalgefühls.So dicht wie bei der Wuppertaler Schwebebahn folgen Abriss und Neubau selten aufeinander, selten aber auch dürfte die Eliminierung der alten Substanz so radikal vollzogen werden. Die neue Substanz freilich steht bereits von Anfang an unter Schutz: "alle ersetzten und neu gebauten Teile auf der gesamten Streckenanlage" sind im Schutzumfang eingeschlossen (Haltaufderheide 1997). Dem totalen materiellen Substanzverlust folgt der Ersatz der Substanz. Die Schutzebene bezieht sich auf die Konstruktion, die jedoch auch nur z. T. beim Neubau Berücksichtigung fand. So wird das Denkmal in Anlehnung an die Schwebebahn von Eugen Langen nachgebaut. – Die Substanz des Denkmals wird geopfert, sein Ersatz durch ein modernes Verkehrsmittel stand nicht zur Diskussion. Die Schwebebahn als Synonym Wuppertals aufzugeben oder offensiv gestalterisch zu modernisieren, hat man nicht gewagt. Fehlt der Mut zur Substanzerhaltung ebenso wie der Mut zu Neuem? Charakteristisch jedenfalls ist die Bereitstellung der immensen Summe von einer halben Milliarde Euro zur Erhaltung eines Denkmals, bei der das Denkmal nicht erhalten wird. Original und Fälschung bilden zwei relative Eckwerte der Denkmaldebatte.Perspektiven für's Geschichtsbewusstsein Denkmalpflege, Gartendenkmalpflege und Schutz der historischen Kulturlandschaft besitzen heute große Bedeutung. Wenngleich die Gefährdung ihrer Objekte nichts an Brisanz verloren hat, so gehört der denkmalpflegerische Stoff mittlerweile zum etablierten Bestandteil von Architektur, Stadt-, Regional- und Landschaftsplanung. Wissenschaft, Ausbildung und öffentliche Hand vermehren den Bestand an historischem Wissen und geschützten Kulturgütern stärker den je. Die Menge der Denkmäler ist beachtlich, die Denkmalkategorien sind in einem unabgeschlossenen Expansionsprozess begriffen: Bau- und Bodendenkmal, Ensemble, Denkmalbereich, Denkmallandschaft, Kulturlandschaft, Weltkulturerbe … Während die Politik um Eindämmung des Schutzanspruches ringt, bleiben die Denkmalpfleger dort, wo sie ohnehin schon immer standen - in der Defensive.Eine Gelegenheit, über die Absichten und die Rolle der Denkmalpflege für ihre Schützlinge zu reflektieren. Der Umgang mit dem Wandel der historischen Substanz bildet ein Thema, das im Eifer des Gefechtes gegen Denkmalbedrohungen aller Art besondere Aufmerksamkeit verdient. Nehmen wir uns die Zeit innezuhalten und nachzudenken, in welcher Beziehung die Denkmalpflege zum Wandel der Denkmäler steht. Hierzu ein paar grundsätzliche Überlegungen:Denkmalpflege schützt vor dem Wandel, wie kann sie den Wandel schützen? Die vielfältigen Umgestaltungen, die beispielsweise die Anlage von Schloss Benrath in den letzten Jahrhunderten erfahren hat, sind hinter der Uneinheitlichkeit der heute dargebotenen Gestaltung zu erahnen. Der Wandel aber von Neuanlage und Veränderung, Rückbau und Rekonstruktion bleibt Geschichte. Er lässt sich auf dem Wege der Simulation abbilden oder als Geschichte nacherzählen. Der Prozess der Veränderung ist zwar Teil des Denkmals - immerhin seine Geschichte - aber als schützenswert gilt er selbst nicht. Ja, er soll durch den Denkmalschutz mehr oder weniger beendet werden. - Ein Ziel, das neu zu diskutieren ist. Soll der von der Denkmalkunde intensiv nachvollzogene Veränderungsprozess durch sie abgebrochen werden? Während sich die Charta von Florenz nur zu einer Duldung durchringt (1981, Artikel 20), erwähnt die Charta von Venedig Nutzung ausdrücklich als wünschenswert (1964, Artikel 5). Die Charta von Washington betont die Notwendigkeit, die heutigen Bewohner in Stadterhaltung einzubeziehen, um sie erfolgreich zu betreiben (1987, 1.). Ihre Lebensweise gehört freilich nicht jenen "abgeschlossenen Epochen" an, die die Denkmalpflege in ihre Obhut nimmt. Die Fortsetzung der Geschichte des Denkmals in die Gegenwart hinein ist daher unumgänglich, ja ihre Notwendigkeit zur Erhaltung des Denkmals unbestritten.Der Denkmalbegriff ist auf dieser Basis zu schärfen. Welche Teile des Schutzgutes sollen erhalten werden, welche sollen sich weiterhin ändern können? Neben die historische Bedeutung tritt die Zukunftsfähigkeit eines Denkmals, die sich nicht in Aspekten der Nutzbarkeit erschöpft. Vielmehr wirft sie die Frage nach einer angemessenen Fortentwicklung des Denkmals auf. Wie sieht eine denkmalgerechte Zukunft aus? Ist sie gut, wenn möglichst Vieles "so wie früher" ist oder kann sie vielleicht darin bestehen, an den historisch-gestalterischen Wert auf Augenhöhe anzuknüpfen und Denkmale weiterzubauen? Statt um historische Werte geht es dann freilich um gegenwärtige und zukünftige, über wissenschaftliche Befunde hinaus sind dann z.B. ästhetische Entscheidungen zu diskutieren.Denkmalpflege behandelt materielle Dinge, doch das Ding ist seine Rezeptionsgeschichte. Die Beschreibungen und Kritiken, aber auch die baugeschichtlichen Befunde und denkmalpflegerischen Wertungen, sie alle bilden Puzzlesteine der Rezeptionsgeschichte des Denkmals. Aus diesen Steinen lässt sich das Bild eines Wandels zusammensetzen, eines Wandels, den nicht das Ding, sondern seine Auffassung, seine Leser und ihre Lesarten durchgemacht haben. Doch damit, so ist festzustellen, war auch das Ding nicht immer das gleiche. Dieselbe Bausubstanz unterschiedlich verstanden, ergibt letztlich auch verschiedene Dinge. Der historische Gegenstand ist daher im Lichte seiner gesammelten Deutungen zu begreifen. "Ob, inwiefern und wofür etwas Denkmal ist, das entscheidet sich – so Riegls grundlegende Erkenntnis – nicht bei seiner Entstehung, sondern in seiner Rezeption." (Huse 1996, 126) Die methodologischen Voraussetzungen dieser Einsicht, sind zu klären, denn es handelt sich bei Denkmalgütern gerade um die Verbindung von gegenständlicher und interpretativer Ebene. Die geisteswissenschaftliche Rezeptionstheorie, wie sie von Jauss entwickelt wurde, ist daher auf gegenständliche Objekte zu übertragen, die gewissermaßen als "materiellen Text" aufzufassen sind.Denkmalpflege ist als Teil der Geschichte ihrer Objekte zu begreifen. Es besteht der Anschein, die Denkmalpflege konserviere neutral alte Substanz. Das Ethos verlangt, nichts hinzuzufügen, nicht zu verfälschen. Die Charta von Florenz etwa legt fest, dass Nachbildung in historischen Gärten eine Ausnahme zu bleiben habe (1981, C. Artikel 16). Die praktische Arbeit sieht gelegentlich anders aus. Dass schon die Unterschutzstellung und die aus ihr abgeleiteten Maßnahmen einen kräftigen Eingriff in die Geschichte des Denkmals bilden, wird leicht vergessen. Es gilt herauszuarbeiten, dass Wiederherstellung, Rekonstruktion und Rückführung auf frühere Zustände stets auf Entscheidung basiert und keineswegs vom historischen Material nahe gelegt werden. Denkmalpflegerische Interpretationen und Maßnahmen treten dabei in die Geschichte des jeweiligen Gegenstandes ein. Um diesen Vorgang angemessen untersuchen zu können, bedarf es einer Betrachtung auf anderer Ebene, als sie die hermeneutische Tradition des Verstehens bereitstellt. Systemtheoretische Methoden treten aus dem hermeneutischen Zirkel heraus und ermöglichen eine Beobachtung zweiter Ordnung. Diese Erkenntnissituation öffnet den Blick nach vorn und erlaubt, offensiv Perspektiven für die Zukunft der Denkmalpflege und ihrer Objekte zu entwickeln.

 

Literatur

Breuer, T. 1998: Kulturlandschaft als Gegenstand von Denkmalschutz, Denkmalpflege und Denkmalkunde? In: Kowarik, I., Schmidt, E., Sigel, B. (Hrsg.), Naturschutz und Denkmalpflege. Wege zu einem Dialog im Garten. Zürich, S. 169-175Dischner, G. 1972: Ursprünge der Rheinromantik in England. Zur Geschichte der romantischen Ästhetik. Frankfurt/M.Fehn, K. 1999: Historische Kulturlandschaften. In: Das Rheintal. Schutz und Entwicklung. KölnHaltaufderheide, 1997: Auszug aus dem Eintragungsbescheid. In: www.wuppertal.de/ denkmalHuse, N. 1984: Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten. München 1996Krosigk, K. v. o. J.: Neobarocke Gartentendenzen im 20. Jahrhundert. Versuch einer Bilanz gartendenkmalpflegerischer Restaurierungsansätze. In: Die Gartenkunst des Barock, ICOMOS. Hefte des Deutschen Nationalkomitees XXVIII, S. 144-157Lange, C. 1997: Wiederherstellungsmaßnahmen im Benrather Schloßpark nach 1945. In: Stadtmuseum Düsseldorf (Hrsg.), Nicolas Pigage 1723 – 1796. Architekt des Kurfürsten Carl Theodor. Köln, S. 175-206Markowitz, I. 1978: Schloß Benrath, ein noch erhaltenes Gartenschloß aus dem 3. Viertel des 18. Jahrhunderts. In: Park und Garten im 18. Jahrhundert. Heidelberg, S. 48-63Sigel, B. 1998: Denkmalpflege im Garten. In: Kowarik, I., Schmidt, E., Sigel, B. (Hrsg.), Naturschutz und Denkmalpflege. Wege zu einem Dialog. Zürich, S. 141-156PAGE 8

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